Der Film zum Roman oder der Roman zum Film?

Heute ging mir beim Schreiben mal wieder ein Gedanke durch den Kopf, der mich schon öfter beschäftigt hat. Man liest oft, dass Verfilmungen der Romanvorlage nicht gerecht werden, und mancher Roman gilt sogar als unverfilmbar. Natürlich ist es richtig, dass das Filmformat Komprimierung verlangt und daher nicht so detailreich sein kann wie ein Roman. Vielfach müssen Handlungsstränge oder Figuren gestrichen werden, insbesondere dann, wenn ein Roman als Einteiler und nicht als Mehrteiler oder Serie verfilmt wird. Zudem bedarf es besonderer Kniffe, um innere Monologe und Gedanken in eine visuelle Sprache zu übersetzen. Dabei geht zuweilen die Tiefe der Vorlage verloren.

Dennoch kehrt eine Geschichte meiner Meinung nach durch die Verfilmung quasi in ihr ursprüngliches Stadium zurück. Ich weiß zwar nicht, wie sich das bei anderen Schriftstellern verhält, aber ich kann nur schreiben, wenn ich die Szene bildlich vor meinem inneren Auge entstehen lasse. Insbesondere gilt das bei Szenen, in denen die Gewichtung auf der äußeren Handlung liegt (Actionszenen). Das heißt, ich muss im ersten Schritt das Kopfkino einschalten. Erst wenn ich den Film zum Laufen gebracht habe, kann ich die Szene zu Papier bringen. Ich beschreibe also im Grunde, was ich ’sehe‘.

Fazit: am Anfang war der Film und nicht das Wort. 🙂

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5 Gedanken zu “Der Film zum Roman oder der Roman zum Film?

  1. Ja, das sehe ich genauso – zuerst findet im Kopf des Schreibers ein Film statt und ein guter Autor lässt mich ebenfalls einen Film sehen, wenn ich das Buch lese. Wird das Buch dann richtig verfilmt, ist leider der „richtige“ Film nicht der, den ich als Leser im Kopf gesehen habe.
    Darum ist meine Enttäuschung groß.
    Ich war zum Beispiel entsetzt von den Filmen zum Herrn der Ringe – MEIN Aragorn sieht ganz anders aus! Ich höre sogar die Stimmen im Kopf und kann dann die Asterix-Filmstimme nicht mit MEINER Stimmen überein bringen.
    Der einzige Film, der auch nach dem Buch ein Genuss war und der meinen Kopf-Film noch getoppt, hat, war „Der Name der Rose“.
    Es ist übrigens recht interessant, dass ich als Sachbuchautorin auch eine Art Film sehe, wenn ich schreibe: es ist eine virtuelle Unterrichtsstunde, die da abläuft und zu Papier kommt 😉

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    1. Ich sehe, Dir geht es genauso wie mir. 🙂
      Also könnte man sagen, eine Verfilmung ist subjektiv betrachtet, gelungen, wenn sie sich mit der eigenen Vorstellungswelt deckt und den beim Lesen des Buches empfundenen Genuss wiederholt oder gar steigert.

      Dass Du auch beim Verfassen eines Sachbuchs eine Art Film siehst, ist ja wirklich interessant. Daraus schließe ich, dass Deine Erläuterungen sehr anschaulich sind – so wie eine gute Unterrichtsstunde sein sollte. 😉

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  2. Da machst du aber ein Fass auf 😀 Prinzipiell kann ich das alles voll unterschreiben, verhält sich bei mir nämlich genauso.
    Allerdings kommt es meiner Meinung nach auf die sprachliche Ebene des Textes an. Unsere Texte, die lediglich die äußere Handlung und die Innenperspektive der Figuren wiedergeben, bleiben eher auf einer oberflächlichen Ebene, weswegen sie sich gut verfilmen lassen.
    Aber richtige Sprachkunstwerke, bei denen es gleich mehrere Sprachebenen gibt, verlieren sehr, sehr viel von ihrer Tiefe, wenn man sie auf die Bildebene reduziert. Die Umsetzung in einen Film/in Bilder erfordert immer Interpretation und Selektion, Sprachkunstwerke wie „Sansibar und der letzte Grund“ würden daher viel von ihrem sprachlichen Bedeutungspotenzial verlieren, wenn man sie verfilmt.
    Kafkas Texte sind ein gutes Beispiel. „Die Verwandlung“ wurde zwar nicht verfilmt, aber es gibt eine Comic-Adaptation, bei der es mir eiskalt den Rücken runterläuft. Gregor Samsa tatsächlich als Käfer zu sehen, nimmt mir als Leser die Möglichkeit, meine eigene Interpretation in diesen vielschichtigen Text hineinzulesen (bei Kafka finde ich sogar schon die meisten Theaterinszenierungen zu platt).
    Bilder sind nun mal immer in irgendeiner Form oberflächlich 🙂

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  3. Was ich gesagt habe, trifft in der Tat nur auf handlungsorientierte Romane zu, in denen mehr die Geschichte als die (Sprach-)kunst im Vordergrund steht. Oder anders gesagt, in der das Visuelle, in diesem Fall die Imagination des Lesers, von vornherein eine entscheidende Rolle spielt, das bildhafte ‚Eintauchen‘ in die Geschichte. Aber selbst bei Romanen, die vorwiegend der Unterhaltung dienen, sind die Verfilmungen manchmal nicht zu ertragen, da stimme ich Dir zu – vor allem, wenn sie sich nicht mal ansatzweise mit der eigenen Imagination decken. Ich habe gelegentlich schon nach Ansicht nur des Filmplakats davon Abstand genommen, mir die Verfilmung anzuschauen, weil ich mir die Bilder meiner Fantasie nicht zerstören lassen wollte. Bei manchen Vorlagen funktionieren Zeichentrick-Adaptionen möglicherweise sogar besser als Realverfilmungen, weil sie erweiterte Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks bieten. Aber es stimmt schon: Bilder bleiben immer in gewisser Weise oberflächlich. Manchmal sagen sie zwar mehr als Worte, oft aber eben auch nicht – gerade dann nicht, wenn es um seelische Zustände, Gedankenspiele oder philosophisch-religiöse Überlegungen geht.

    Es wäre allerdings spannend zu erfahren, wie Kafka sich seinen Käfer vorgestellt hat, ob er beim Schreiben ebenfalls Bilder im Kopf hatte. Was uns dann wieder zur Ausgangsthese zurückführen würde … 😉

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    1. Nachtrag: Ich korrigiere mich: ein Bild / Film kann durchaus vielschichtig sein und mehrere Ebenen zeigen, nur lässt es / er den Betrachter / Zuschauer in diesem Fall möglicherweise ratlos zurück, weil dieser Schwierigkeiten hat, die Informationen zu verstehen und einzuordnen. So wie sich einem auch die Werke der modernen bildenden Kunst zum Teil nicht ohne Interpretationshilfen erschließen.

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