Make me Shiva

Ich komme gar nicht mehr hinterher! Gestern war das Programm so vollgepackt, dass es für zwei Tage gereicht hätte, und ich bin doch noch nicht mal mit meinem Bericht von vorgestern fertig. Hier also noch ein paar Details:

Banteay Srei

IMG_7236_webBanteay Srei wurde unter der Herrschaft Jayavarmans II. in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts errichtet und bildet den Auftakt der klassischen Bauperiode Angkors. Die Anlage ist relativ klein, weil sie nicht vom König, sondern einem Brahmanen, einem königlichen Priester, in Auftrag gegeben wurde und daher in den Proportionen entsprechend bescheidener ausfallen musste. Das verwendete Material ist ein besonders harter Sandstein, der witterungsbeständig war und sich dennoch ausgezeichnet bearbeiten ließ, so dass sich in Banteay Srei heute die feinsten Arbeiten Angkors finden lassen. Die Steinmetzkunst ist so ausgefeilt, dass die Reliefs wie Holzschnitzereien anmuten. Die feinen Blätter, Blüten und Gesichter sind an Schönheit und Anmut kaum zu übertreffen. Es finden sich sowohl Shiva- als auch Vishnumotive, die Anlange war jedoch Shiva geweiht, was sich an einer Nandiskulptur und den Lingams erkennen lässt. _MG_2797Über den Türstürzen ist Shiva unter anderem mit Kala bzw. Kirtimukha, dem Gesicht des Sieges dargestellt. Kirtimukha ist ein Dämon, der sich auf Shivas Befehl selbst aufgefressen hat, bis nur noch Kopf und Hände übrig waren; ihm obliegt es, die Natur zum Blühen zu bringen. Dieses Motiv findet sich in wirklich jedem shivaitischen Tempel mehrfach. Banteay Srei wartet aber auch mit wunderbaren Hanumanskulpturen und Szenen aus dem Ramayana auf. Ein absoluter Höhepunkt jeden Angkor-Besuches, auch wenn man früh aufstehen muss, will man nicht in Strömen hauptsächlich chinesischer Touristen ertrinken. Die Anlage wurde übrigens erst 2006 durch die Bundeswehr von Minen geräumt.

Vietnamkrieg und Rote Khmer

1970 griff der Vietnamkrieg auf Kambodscha über. Mit stillschweigender Duldung von Prinz Sihanouk warf die US-Luftwaffe in 14 Monaten rund 100.000 Tonnen Bomben auf Rückzugsgebiete der NLF und PAVN in Kambodscha und Laos (Ho-Chi-Minh-Pfad). Im selben Jahr wurde der Regent mit Unterstützung der USA gestürzt. Am 28.04.1975 endete der Vietnamkrieg, doch beinahe gleichzeitig überham Pol Pot die Herrschaft in bürgerkriegsgeschüttelten Land und errichtete die Schreckensherrschaft der Roten Khmer. Noch heute leiden die Menschen an den Folgen und viele Teile Kambodschas (und Laos‘) sind nach wie vor vermint. Die erste Wahl seit 1970 fand erst wieder 1993 statt. Seitdem herrscht immer noch derselbe Ministerpräsident, doch die Oppositionspartei wird immer stärker, weil vor allem die jungen Leute einen Wechsel anstreben. Kambodscha ist nach wie vor Königreich, aber wie in Großbrittannien handelt es sich um eine konstitutionelle Monarchie. Rund 75% der Khmer leben auf dem Land. Es gibt keine Rente und so gut wie keine Steuern. Für die Bauern wurden subventionierte Gesundheitsprogramme eingerichtet, denn anders als zu Zeiten Angkors können sie heute nur einmal und nicht dreimal im Jahr Reis ernten, weil es an den dazu notwendigen Bewässerungsmethoden fehlt. Die Khmerkönige damals ließen gewaltige Barays (Wasserreservoire) anlegen, so dass Arbeitskräfte frei wurden. Ein stehendes Heer hielt die kriegerischen Nachbarn in Schach und das Reich konnte sich wirtschaftlich und künstlerisch entwickeln.

Phnom Kulen

_MG_2901Die Vorgängerreiche Angkors hießen Funan (2.-6. Jhd.) und Zhenla bzw. Chenla (6.-8. Jhd.). Im Osten (heutiges Vietnam) konkurrierten die Cham um die Vorherrschaft.

Auf dem Phnom Kulen, dem Litschi-Berg, lag die erste Hauptstadt des Angkorreiches, gegründet 802 von Jayavarman II, der sich auf dem heiligen Berg zum Devaraja, zum Gottkönig, weihen ließ. Im Flussbett finden sich überall Lingams, die teilweise nur kleine runde Knubbel sind, und Darstellungen Shivas, von denen einige allerdings Kunsträubern zum Opfer gefallen sind. Überhaupt sind viele Skulpturen oder zumindest ihre Köpfe in den letzten Jahrzehnten verschwunden.

Das Hauptheiligtum von Phnom Kulen ist heute ein buddhistischer Tempel mit einem großen liegenden Buddha. Versteckt im Wald hat der kleine Tempel, dessen Aufgang Figuren von Löwen, Garudas und Tigern schmücken, seinen ganz eigenen Reiz. Er wirkt sogar ein winziges bisschen mystisch. Gegenüber dem Eingang zum Tempel entdecke ich auch noch eine lebensgroße Hanumanskulptur.

Beang Mealea

_MG_2981Am Nachmittag besichtigen wir Beang Mealea, eine Tempelanlage, die ähnlich dem bekannteren Ta Prohm (Schauplatz von Tomb Raider II) vom Dschungel verschlungen wird. Durch Flugsamen und Tierkot haben soch überall Pflanzen festgesetzt, die im Laufe der Zeit das Mauerwerk gesprengt haben, so dass die Mauern einfach in sich zusammengestürzt sind und die Steinblöcke verstreut liegen, als hätte ein Gott sie wie Bauklötze umgestoßen. Ein beeindruckendes Erlebnis und ein kleines Abenteuer.

Fredi, einer der beiden fitten älteren Herren aus Baden, streikt langsam. Er hat genug von alten Ruinen. Überhaupt ist er nur mitgefahren, um auf seinen Freund H.P. aufzupassen. Ein wahrer Freund, wenn er sich diese Studienreise antut, obwohl ihn die Khmerkultur nur bedingt interessiert. H.P. wiederum hat die Reise eigentlich auch nur wegen der Reiseleiterin gebucht, die diese ursprünglich begleiten sollte. Nur dass dann kurzfristig unser jetziger Reiseleiter eingesprungen ist. Das nennt man dann wohl Pech. Aber die Beiden tragen es mit Fassung und sind für jeden Spaß zu haben. Und wenn erst mal das Bier auf dem Tisch steht, ist sowieso alles wieder gut. 🙂

 

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