Der Hügel der vergangenen Zeit

Heute möchte ich euch ein Gedicht vorstellen, das bei einer Wanderung auf den Ipf (ein solitär stehender kahler Berg auf der Ostalb / Franken mit einer vorgeschichtlichen Ringwallanlage) entstanden ist. Veröffentlicht wurde es zusammen mit einem weiteren Wandergedicht in der Ausgabe 116 (Dezember 2002) der Regionalzeitschrift „ostalb einhorn“.

Da fällt mir ein: wenn ich nächste Woche ins ‚Ländle‘ fahre, könnte ich eigentlich mal wieder hinwandern. Ist schon über 10 Jahre her, dass ich oben war.

 

Der Hügel der vergangenen Zeit

(Wanderungen I/ Auf den Ipf)

Ich folge dem Feldweg bergauf.
Trockener Lehm zermahlt
unter meinen Füßen zu Staub.
Kornfelder zu beiden Seiten.
Goldgelbe Ähren wiegen sich im Wind.
Schläfrig summen Insekten.
Es duftet nach Sommer.
Eine Feldmaus schaut aus ihrem Loch,
halb verborgen unter Grashalmen.
Ihre schwarzen Augen blinzeln neugierig.
Doch bin ich ein Freund?
Als ich mich bewege,
huscht sie davon.

Der Weg windet sich weiter aufwärts.
Vereinzelte Baumgruppen
führen das suchende Auge.
Verfallene Mauern –
stumme Zeugen vergangener Macht.
Doch sind sie wirklich stumm?
Flüstert dort nicht ein Stein
mit einer Buche?
Erzählt von Geheimnissen,
nun eingeschlossen im Schoß der Erde?
Und erklingt nicht leises Gekicher,
wenn der Wind über die Mauern streicht
und sie mit seinem Atem kitzelt?

Ich bin am Ende des Weges angekommen.
Ein windgepeitschter Hügelkamm.
Silbrige Disteln
drängen sich aneinander,
trotzen gemeinsam der Einsamkeit.
Zerzauste Gräser,
gebogen vom Wind,
doch niemals gebrochen.
Ein Schmetterling weht vorbei.
Im wilden Luftstrom
wirbelt er über die Wiese,
lockt mich, ihm zu folgen.

Wind umhüllt mich,
Zeit verweht.
Noch einmal erstehen die Mauern,
um erneut zu zerfallen.
Reiche blühen auf –
und sterben.
Ich sehe alle Zeit und keine.
Mein Leben –
ein Sandkorn.
„Was bleibt, ist Staub“,
höhnt der Wind.
„Was bleibt, ist die Erinnerung“,
flüstern die Steine.
„Was bleibt, ist die Zukunft“,
singt der Schmetterling.

Patricia Strunk

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4 Gedanken zu “Der Hügel der vergangenen Zeit

  1. Das Gedicht ist wunderbar – solche Empfindungen habe ich sehr oft auch auf meinen Wanderungen oder Spaziergängen, kann diese nur nicht so schön in Worten ausdrücken. Danke für das schöne Gedicht.

    Gefällt 1 Person

    1. Freut mich, dass es Ihnen gefällt, liebe Regina! Leider fehlen mir die Worte auch oft genug. Aber vielleicht treffe ich die Lyrikmuse ja in diesem Urlaub. Der Herbst ist immer eine passende Jahreszeit für Gedichte.

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